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Allgemeines
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Wasserwerte - Zur Ableitung von Grenzwerten chemischer und physikalischer Parameter des Wassers für die artgemäße Haltung von AquarienfischenVon Dr. Wolfgang StaeckUnbemerkt von den meisten Aquarianern - es sei denn, sie sind in aquaristischen Organisationen oder Vereinen aktiv - findet seit einiger Zeit eine Grundsatzdiskussion über die Bedeutung der sogenannten Wasserwerte für die artgerechte Pflege von Aquariumfischen statt. Ausgelöst wurde sie von Tierärzten, die unter dem Gesichtspunkt des Tierschutzes für verschiedene Parameter des Aquariumwassers, unter anderem für die Temperatur, den pH-Wert, die Gesamt- und die Karbonathärte, für einzelne Arten, Gattungen oder sogar Fischfamilien die Festlegung von verbindlichen Grenzwerten fordern, um eine artgemäße Pflege der betreffenden Aquariumfische zu gewährleisten. Diese Aktivitäten führten zu dem an den Gesetzgeber gerichteten Aufruf, Haltungsanforderungen vorzuschreiben, die zunächst für den Großhandel und den Zoofachhandel, aber auch für den Verkauf von "Zierfischen" außerhalb von Zuchtanlagen und Zoofachgeschäften, das heißt unter anderem für Börsen, gelten sollen und deren Erarbeitung bereits im März 1995 vom Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Angriff genommen wurde (Behrendt 1995).
Tierärztliche Dissertationen weisen gravierende Mängel aufGrundsätzlich wären diese Bestrebungen uneingeschränkt zu begrüßen, wenn sie mit der - eigentlich vorauszusetzenden - fachlichen Kompetenz und unter Beachtung einer Methodenwahl und Validität der Ergebnisse einhergehen würden, die naturwissenschaftlichen Mindestansprüchen genügen. Bedauerlicherweise gilt das jedoch für die zu diesem Thema wiederholt von Veterinärmedizinern veröffentlichten Beiträge (Etscheidt 1990, Winter 1993, Fröhlich 1995, Fröhlich & Rietze 1995) nicht, obwohl sich darunter zwei tierärztliche Dissertationen befinden, die aufgrund ihrer akademischen Funktion auf den ersten Blick scheinbar dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit genügen und deshalb immer wieder unkritisch zitiert werden (unter anderem von Fröhlich & Rietze 1995 und von Schwindt 1995). Obwohl es in den beiden Dissertationen von Etscheidt (1990) und Winter (1993) im wesentlichen um ökologische Fragestellungen geht, sucht man erstaunlicherweise bei beiden in den weitgehend identischen Literaturverzeichnissen nach Lehr- und Standardwerken zur Ökologie sowie - mit der Ausnahme eines Aufsatzes über den Sauerstoffgehalt - nach Originalarbeiten über Untersuchungen in den natürlichen Biotopen der von ihnen berücksichtigten Arten vergeblich. Bei beiden findet sich nicht ein einziger Meßwert aus den natürlichen Lebensräumen von Aquariumfischen. Jeder Versuch, Empfehlungen oder gar Vorschriften für die artgemäße
Pflege einer Fischart zu formulieren, muß sich jedoch notwendigerweise
an den Lebensbedingungen orientieren, unter denen die Tiere in der Natur
vorkommen. In den natürlichen Lebensräumen ermittelte Meßdaten bilden
insofern eine unverzichtbare Voraussetzung und Grundlage für alle weiteren
Schlußfolgerungen, die für die Haltung im Aquarium gezogen werden, als
sich aus ihnen erste Hinweise auf die ökologische Valenz der untersuchten
Art ablesen lassen. Anstatt Meßergebnisse aus den natürlichen Biotopen zur Grundlage ihrer Untersuchungen zu machen, übernehmen Etscheidt und Winter unkritisch Angaben aus aquaristischen Populärdarstellungen, vorzugsweise aus den ersten beiden Bänden des "Aquarien Atlas" (Riehl & Baensch 1984, 1987). Die dort veröffentlichten Werte physikalischer und chemischer Parameter des Wassers, die Riehl & Baensch neutral als Hälterungsbedingungen bezeichnen, werden von Etscheidt und Winter unkommentiert übernommen, aber unzulässigerweise jeweils als der Optimalbereich der betreffenden Fischart ausgewiesen. Der Guppy stammt nur aus harten, alkalischen Gewässern?Die gefährlichen Konsequenzen dieser von Etscheidt und Winter verwendeten Methode lassen sich gut am Beispiel des Guppy demonstrieren. Die gesicherte natürliche Verbreitung dieses sehr anpassungsfähigen, euryöken Fisches, der heute infolge vom Menschen verursachter Faunenverfälschungen in den Tropen beinahe ein Kosmopolit ist, liegen im nordöstlichen Südamerika, das heißt in Venezuela, Trinidad, den Guyana-Ländern sowie im unmittelbar angrenzenden nordöstlichen Brasilien. Dort kommen die Fische vorzugsweise in Lebensräumen mit saurem und weichem Wasser vor. Ich konnte sie beispielsweise in Guyana an mehreren Fundorten im Einzugsbereich des Essequibo und Demarara River bei einer Wassertemperatur von 24 °C, einer elektrischen Leitfähigkeit von 10 bis 20 µS/cm, bei < 1 °dGH und °KH sowie bei einem pH-Wert von 6,3 nachweisen. Das Vorkommen des Guppy in sehr weichen, sauren Gewässern in Venezuela belegen auch Kempkes (1995: pH 4,5, 3 °dGH) und Bork & Machnik (1994: pH 6,8 bis 7,0, keine nachweisbare Härte). Im krassen Widerspruch zu diesen Ergebnissen empfehlen Riehl & Baensch (1984: 598) für Hochzuchtgruppys pH-Werte zwischen 7,0 und 8,5 sowie eine Gesamthärte zwischen 20 und 30 °dGH. Das führt unsinnigerweise dazu, daß Etscheidt eine Pflege von Guppys ausschließlich bei 12 bis 30 °dGH und pH-Werten von 7,5 bis 8,3 fordert und daß Winter folgende verbindlichen Optimalbereiche für den Guppy angibt: 10 bis 30 °dGH, 5 bis 20 °KH, pH-Wert 7,0 bis 8,5. Jegliche Über- oder Unterschreitung der von ihnen gewählten irreführenden Grenzwerte bewerten sowohl Etscheidt als auch Winter als Haltungsfehler.
Diese falschen Haltungsanforderungen werden nicht nur von Fröhlich
(1995), Amtstierarzt in Wiesbaden, übernommen, der für den Guppy
pH-Werte von 8,5 bis 9 und über 12 °dGH fordert, von Fröhlich
& Rietze (1995), die pH-Werte von 7,5 bis 8 bzw. 7,0 bis 8,5
und eine Gesamthärte von 15 bis 25 °dGH (nicht unter 12 °dGH) als verbindliche
Grenzwerte postulieren, sondern auch von der Tierärztlichen Vereinigung
für Tierschutz (TVT), die in ihrer "Checkliste zur Überprüfung von Zierfischhaltungen
(Süßwasser) im Zoofachhandel" (1994) für alle Lebendgebärenden
pH-Werte von 7,0 bis 8,5 und eine Wasserhärte ab 12 °dGH als verbindlich
angibt. Derartige Werte werden zwar den Lebensansprüchen vieler in Mittelamerika
vorkommenden Lebendgebärenden
Zahnkarpfen gerecht, sie stehen jedoch im Gegensatz zu den ökologischen
Bedürfnissen der zahlreichen südamerikanischen Arten aus diesem Verwandtschaftskreis,
die vorwiegend oder sogar ausschließlich in weichem Wasser mit einer sauren
Reaktion vorkommen (vergleiche auch Staeck 1996 b). Viele Verallgemeinerungen sind einfach unzulässig...In ihr Gegenteil verkehrt sich die erklärte Absicht von Etscheidt und Winter, Richtlinien für eine artgemäße Haltung anzubieten, Wenn beide beispielsweise pauschalierend für die über 120 bekannten Panzerwelse aus der Gattung Corydoras, deren Verbreitung sich auf eine Vielzahl unterschiedlichster Gewässer im tropischen und subtropischen Amerika erstreckt, ein extrem eng gefaßtes Temperaturoptimum von 22 bis 26 °C (Etscheidt 1990: 57) bzw. 20 bis 26 °C (Winter 1993: 39) angeben. Winter erhebt ferner die unsinnige Forderung, daß alle Panzerwelse ausschließlich bei pH-Werten zwischen 6,0 und 6,8 richtig und artgemäß zu halten sind, und auch Etscheidt legt den pH-Wert 6,8 als verbindlichen oberen Grenzwert fest. Ebenso absurd ist es, daß Winter
für die nicht nur in ökologischer Hinsicht äußerst unterschiedlichen Buntbarsche
aus den zum Teil außerordentlich artenreichen Gattungen Aequidens, Apistograma
[korrekt: Apistogramma], Astronotus, Cichlosoma [korrekt: Cichlasoma]
und Papillochromis [korrekt: Papililochromis] ohne den geringsten Versuch
einer Differenzierung jeweils nur einen einzigen, engen Optimalbereich
angibt, der beispielsweise für den pH-Wert zwischen 6,0 und 6,8 und für
die Temperatur zwischen 24 und 28 °C liegt, obwohl mehrere dieser Verwandtschaftskreise
nicht nur tropische, sondern auch subtropische Cichliden enthalten, in
deren Verbreitungsgebieten durchaus Frost auftritt. Winter nennt ferner, unzulässig vereinfachend, für alle Parameter jeweils nur ein identisches Optimum, das für die gesamte Familie der Melanotaeniidae, das heißt alle Regenbogenfische, gelten soll, obwohl Allen & Cross (1982) aus den natürlichen Lebensräumen in Australien und Neuguinea für die meisten Vertreter dieser Fischfamilie zahlreiche ökologische Meßdaten vorgelegt haben, aus denen hervorgeht, daß die einzelnen Arten sehr verschiedene ökologische Präferenzen haben. daßelbe gilt nicht nur für die Familie der Gasteropelecidae, das heißt alle Arten von Beilbauchfischen (im Widerspruch zu Winter stehende Freilanddaten bei Staeck 1994), sondern auch für die Fadenfische (Gattung Trichogaster), für die Linke bereits 1987 sehr unterschiedliche Meßergebnisse von mehreren Fundorten publizierte. Diese Beispiele mögen genügen, um den unglaublichen Dilettantismus und die daraus resultierende Fehlerhaftigkeit der Ergebnisse und Schlußfolgerungen in diesen beiden Dissertationen, die das veterinärmedizinische Promotionsverfahren diskreditieren, zu illustrieren. ... und die Haltungsanforderungen der Amtsärzte schlicht unsinnigDie von Etscheidt (1990), Winter (1993), Fröhlich & Rietze (1995) vorgenommene undifferenzierte, pauschalierende Zuordnung von Gattungen oder sogar ganzen Fischfamilien zu bestimmten ökologischen Kategorien ist nicht nur unseriös und wenig hilfreich, sondern sie konterkariert das Bemühen um eine artgemäße, das Tierschutzgesetz beachtende Pflege von Aquariumfischen sogar im höchsten Maße: Fröhlich & Rietze behaupten irreführenderweise, alle südamerikanischen Salmler benötigen 2 bis 7 °dGH und pH-Werte zwischen 5 und 6,5, und fordern, daß die Gesamthärte nicht über 10 °dGH und der pH-Wert unter 7,0 liegen sollten. Im Gegensatz dazu ermittelten wir beispielsweise im Einzug des Rio Ucayali (oberes Amazonasgebiet in Peru) in zahlreichen Salmlerbiotopen pH-Werte bis 7,9 sowie 12 bis 17 °dGH und 14 bis 16 °KH (vergleiche Staeck & Linke 1995: insbesondere Tabellen 17, 20; Linke & Staeck 1995: insbesondere Tabelle 5 und Seite 161).
Ebenso unsinnig sind die meisten Grenzwerte, die Fröhlich
& Rietze (1995) pauschal für alle ostafrikanischen Buntbarsche
aus dem Viktoria-, Malawi-
und Tanganjikasee vorschreiben
wollen: "Diese Fische müssen bei pH-Werten von über 7,0 bis 8,5 und
einer Gesamthärte nicht unter 12 °dGH gehalten werden." Sie stehen
nämlich irn Widerspruch zu den natürlichen Lebensbedingungen: Im Malawisee
erreicht der pH-Wert 8,6 (Fryer & Iles 1972), im Viktoriasee 9,0 (Fryer
& Iles 1972), und im Tanganjikasee
liegt er sogar zwischen 9,0 und 9,5 (Staeck
1995 b). Mayland (1982) ermittelte an mehreren
Stellen im Malawisee eine
Gesamthärte zwischen 3 und 4 °dGH, und eigene Messungen im Tanganjikasee
an fünf unterschiedlichen Orten in zwei verschiedenen Jahren ergaben 9,5
bis 11,5 °dGH. Für die Karbonathärte nennen Fröhlich
& Rietze die Werte 15 bis 20 °KH. Im krassen Widerspruch dazu
ermittelte Mayland (1982) im Malawisee
jedoch wiederholt nur 5 °KH. Untersuchungsergebnisse aus den natürlichen Lebensräumen der Fische
sind folglich eine unverzichtbare Grundlage für die Ableitung und Beschreibung
optimaler Pflegebedingungen. Andererseits bildet eine einzelne Messung
aber nur eine Art Momentaufnahme, die zwar belegt, daß eine bestimmte
Fischart unter den ermittelten Bedingungen lebt und sich möglicherweise
auch fortpflanzt. Sie läßt jedoch keine Rückschlüsse auf den Umfang der
genetisch bedingten Toleranz des Fisches gegenüber dem betreffenden Umweltfaktor
zu. Unter den Fischen gibt es euryöke und stenöke ArtenZusätzlich kompliziert gestaltet sich die Erforschung derartiger Zusammenhänge dadurch, daß ein bestimmter Umwelteinfluß häufig nicht isoliert wirkt, sondern in Wechselwirkung mit anderen Umweltfaktoren die Lebensprozesse einer Art beeinflußt. Beispielsweise wies Römer (Römer & Beisenherz 1994) nach, daß es bei Apistogramma-Arten eine temperaturabhängige modifikatorische Geschlechtsbestimrnung gibt, daß das Verhältnis von Männchen und Weibchen pro Gelege aber auch noch durch den pH-Wert des Wassers beeinflußt wird.
Abbildungen: W. Staeck
Der Segelschilderwels Glyptoperichthys gibbiceps lebt, wie ich auf mehreren Reisen wiederholt feststellen konnte, im unteren Rio Negro im Schwarzwasser bei folgenden Wasserwerten; pH 4,3 bis 4,7, < l °dGH, < l °KH, um 10 uS/cm bei 26 °C. Diese Art stammt folglich aus extrem weichen und sauren Gewässern, junge Harnischwelse dieser Art, die ich mit einer Länge von fünf Zentimetern dort selbst gefangen und später in einem geräumigen Aquarium jahrelang gepflegt habe, erwiesen sich im Berliner Leitungswasser (pH 7,5 bis 7,8, 12 °dGH, 13 °KH, um 700 (µS/cm) als überraschend langlebig. Ein Exemplar erreichte unter diesen Pflegebedingungen eine Gesamtlänge von knapp 35 Zentimetern und ein Alter von mehr als zwölf Jahren (Staeck 1995 a), andere haben inzwischen ein ähnliches Alter erreicht. Daraus darf der Schluß gezogen werden, daß selbst die von den Wasserwerten in den natürlichen Lebensräumen erheblich abweichenden Bedingungen in meinem Aquarium für diesen euryöken Schilderwels aufgrund seiner großen ökologischen Toleranz als artgemäß anzusehen sind, wobei allerdings noch offen ist, welche Werte eine Voraussetzung für die erfolgreiche Vermehrung bilden. SEIDEL und Mitautoren (1995) dokumentieren jedoch, daß der Harnischwels Hypancistrus zebra, obwohl er aus dem weichen, leicht sauren Wasser des Rio Xingu stammt, sogar noch bei folgenden Wasserwerten erfolgreich zu vermehren ist: pH 8,3, 12 °dGH, 6 °KH, 1020 µS/cm. Ein weiteres wichtiges Argument dafür, daß es unzulässig ist, die in den natürlichen Lebensräumen gemessenen Daten unreflektiert zu verabsolutieren und zur ausschließlichen Grundlage bei der Ableitung von verbindlichen Haltungsanforderungen zu machen, ergibt sich aus dem Umstand, daß es sich bei vielen Arten, die im Aquarium gepflegt werden, gar nicht um Wildfänge handelt, die der Natur entnommen wurden, sondern um domestizierte Aquariumstämme, die häufig nicht nur farbliche, sondern auch ökologische Zuchtrassen darstellen, die im Verlauf vieler Generationen durch gezielte Zuchtauswahl und Selektion im Aquarium entstanden sind und sich in ihren ökologischen Ansprüchen erheblich von den entsprechenden Wildformen unterscheiden. Schwindt (1995), der es als Teilnehmer des 22. Aquaristischen Symposiums in Bielefeld (Firma Dupla), auf dem in Anwesenheit von Frau Etscheidt deren Dissertation völlig demontiert wurde, eigentlich besser wissen sollte, zitiert in seinem gründlich mißlungenen Aufwertungsversuch jener Arbeit ohne Quellenangabe den Kasseler Amtstierarzt Rietze, der die Meinung vertritt, es sei ein "Irrglaube" anzunehmen, "daß Jahrmillionen der Anpassung an bestimmte Umweltbedingungen, insbesondere der [sic] Wasserwerte, in ein paar Generationen Gefangenschaftszucht überwunden sind." Ähnlich äußern sich Fröhlich & Rietze (1995): "Jahrmillionen der Evolution können nicht in ein paar Generationen Gefangenschaftszucht überwunden werden!" Beide Zitate sind denkbar schlecht geeignet, um die Existenz von Aquariumstämmen in Zweifel zu ziehen, die sich in ihrer ökologischen Potenz erheblich von den Wildpopulationen unterscheiden, denn sie enthalten einen grundsätzlichen Irrtum, den jeder Oberschüler korrigieren kann, der im Biologieunterricht an einem Grundkurs über Ökologie bzw. Evolution teilgenommen hat. Ökologische Zuchtrassen sind gar nichts Ungewöhnliches...Ebenso wie es Menschen gibt, die sich in ihrer Haar- oder Augenfarbe, aber auch beispielsweise in ihrer genetisch bedingten Disposition für die Zuckerkrankheit oder in ihrer Gefährdung durch UV-Strahlen und damit zugleich auch Hautkrebs unterscheiden, gibt es in jeder Fischpopulation Individuen, die sich dadurch unterscheiden, daß sie verschiedene Bereiche chemischer oder physikalischer Parameter des Wassers bevorzugen oder noch tolerieren, das heißt im Erbgut fixierte unterschiedliche Minima, Optima und Maxima besitzen. Wird beispielsweise eine Population einer Fischart aus den äußerst mineralarmen tropischen Schwarzgewässern im meist erheblich härteren mitteleuropäischen Leitungswasser erfolgreich gehalten und vermehrt, setzt ein Prozeß ein, der in der Evolutionsbiologie als dynamische, richtende oder transformierende Selektion bezeichnet wird. Durch die Änderung der Umweltverhältnisse ändert sich auch der Selektionswert der im Erbgut vorhandenen Erbanlagen (Allele), und als Folge des einseitigen Selektionsdrucks kommt es zu einer gerichteten Häufigkeitsverschiebung im Genbestand der betreffenden Population und damit zur Änderung ihrer Eigenschaften: Als Folge der Überführung in härteres Wasser sind plötzlich nicht mehr die Individuen dieser Fischpopulation im Vorteil, deren Optimum bei niedrigen Härtegraden liegt, sondern jene vom Mittelwert abweichenden, ursprünglich benachteiligten und deshalb in der Ausgangspopulation weit selteneren Ökotypen, die einen höheren Mineralgehalt des Wassers eher tolerieren oder sogar bevorzugen, sind vitaler, fortpflanzungsfreudiger und fertiler und werden deshalb positiv ausgelesen. Durch die richtende Selektion wird eine Veränderung der betreffenden
Aquariumpopulation in Richtung auf die auslesebevorzugte Eigenschaft der
Härtetoleranz veranlaßt. Eine Selektion, die nur den Individuen die Fortpflanzung
ermöglicht, die härteres Wasser tolerieren, hat nachweislich bereits in
der F1-Generation eine ganz erhebliche Verschiebung des Mittelwertes der
Härtetoleranz in der betreffenden Population zur Folge. In der F2-Generation
verschiebt sich die Häufigkeit noch stärker zugunsten der härtetoleranten
Individuen. Welchem Zweck sollen festgelegte Grenzwerte dienen? Die Erforschung und Beschreibung der ökologischen Potenz einer
Fischart sowie der Optima, Pessima, Minima und Maxima von physikalischen
und chemischen Parametern des Wassers kann - wenn sie naturwissenschaftlichen
Ansprüchen und Kriterien genügen soll - jeweils nur individuell für einzelne
Arten erfolgen. Dabei sind jahreszeitlich und örtlich möglichst weit gestreute
Untersuchungsergebnisse aus den natürlichen Lebensräumen der Fische eine
unabdingbare Voraussetzung. Erfahrungswerte, die bei der Pflege und Zucht
im Aquarium unter kontrollierten Bedingungen gewonnen werden, bilden eine
wichtige, häufig sogar unverzichtbare Ergänzung. Die Festlegung sinnvoller Grenzwerte für ausgewählte Parameter des Wassers als Grundlage von Haltungsanforderungen hängt wesentlich von deren Zweck und Geltungsbereich ab. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß eindeutig definiert wird, ob es um die Vermehrung und Zucht, die möglichst langfristige artgemäße Pflege, um die normalerweise nur vorübergehende Hälterung im Zoogeschäft, um die kurzfristige Unterbringung während einer Ausstellung oder einer Fischbörse oder um die Bedingungen während des Transportes und Versandes von Fischen geht. Im ersten Fall ist es sinnvoll, die Grenzwerte auf den jeweiligen Bereich des Optimums auszurichten; in den zuletzt genannten Fällen reicht es dagegen aus, wenn die Grenzwerte im Bereich der ökologischen Potenz der betreffenden Fischart liegen, das heißt, sie dürfen durchaus Pejusbereiche einschließen. Um eine seriöse, naturwissenschaftlichen Ansprüchen genügende und jederzeit
nachvollziehbare Grundlage der Haltungsanforderungen zu gewährleisten,
ist es unverzichtbar, daß nicht nur möglichst viele Daten berücksichtigt
werden, die in den natürlichen Lebensräumen der betreffenden Fischart
erhoben wurden, sondern daß auch die in der Aquaristik bei der Zucht und
langfristigen erfolgreichen Pflege gewonnenen empirischen Daten aus der
relevanten Literatur möglichst vollständig erschlossen und sorgfältig
ausgewertet werden. Die beiden Dissertationen von Etscheidt
(1990) und Winter (1993)
sind aufgrund der Zahl und Qualität gravierender sachlicher und methodischer
Fehler, die sie enthalten und die zu völlig falschen Ergebnissen führen,
absolut ungeeignet, um als Grundlagen für die Ableitung von sachgerechten
Haltungsanforderungen zu dienen.
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Tierschutzgerechte Haltung von Zierfischen im Zoohandel - eine Studie.
Diss. med. vet. L.-M.-Univ. München.
Diskutiert wird der Artikel zur Zeit u.a. hier: www.zfv-forum.de; direkt zur Diskussion |
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